POSITION


 

Jede Linie verweist auf die Polarität von Abbild und Zeichen. Im Schaffen der Künstlerin Lisa Pahlke führt die Linie beide Bereiche zusammen. Denn in ihren aus dicht nebeneinander gesetzten Filzstift- oder Tuschelineaturen bestehenden Zeichnungen ist die Linie zugleich Abstand und Begrenzung, Maß und Markierung, Struktur und Umriss, Richtung und Form – ohne die Natur je nachzuahmen.

 

Lisa Pahlkes Zeichnungen zeigen feinste Linien-Gewebe, die mal an mikroskopisch kleine Zellstrukturen erinnern, mal an Fantasiewesen („Trolla 2-4“, 2017) oder topografische Linienbilder, die Höhenzüge und Täler im Gebirge indizieren („Atlas“, „Randbedingung1/2“, sämtlich 2017). Ein anderes Mal meinen wir es mit Darstellungen von Textilien zu tun zu haben, die kunstvolle Falten werfen, sich bauschen und knittern, wie in den Arbeiten „Contact1/2“, „verborgen2“ und „Voila 2“ aus den Jahren 2016 und 2017.

 

Dabei ist die Linie bei Lisa Pahlke nichts weiter als sie ist – die Verbindung zwischen zwei Punkten. Und doch baut die Künstlerin mit ihren akkurat nebeneinander platzierten, geraden oder geschwungenen Linien, die sich an den Rändern jeweils leicht überlagern, feingliedrige gewebeartige Strukturen auf. Linie für Linie entstehen gegeneinander abgegrenzte Flächen, die dreidimensionale Formen evozieren. Auf diese Weise bekommt die per se nicht figurenbildende Linie bei Lisa Pahlke bildnerisch-gestaltende Dimension: Die Gegenstände der uns umgebenden Welt werden dem Betrachter mittels suggestiver Linienstrukturen hier so kraftvoll eingegeben, dass wir die puristischen Mittel, die für ihre Wirkung verantwortlich sind – Linie, Papier und Hängung –, beinahe vergessen. Permanent changieren wir bei der Betrachtung zwischen der Wahrnehmung der einzelnen, klar gesetzten Linien und dem tiefenräumlich erscheinenden Objekt, das sie zu sein vorgeben.

 

Für ihre Linienzeichnungen benutzt Lisa Pahlke mit Tusche gefüllte Filzstifte. Auf zum Teil großformatigen Papierbögen schafft sie nach und nach vielschichtige Linienstrukturen, die mitunter riesige Bildflächen überwuchern. Zum Teil verwendet sie mehrere Farbtöne hintereinander, so dass sich in der Abfolge der Linien der allmähliche Übergang von einer zur anderen Farbe zeigt, wie in „crescendo“ von 2017. Dabei ist der Entstehungsprozess dem Weben eines großen Stoffstückes ähnlich, denn Pahlke beginnt ihre Linienzeichnung an einer Ecke des Blattes und arbeitet sich Linienbahn für -bahn schrittweise vor. Während dieses Prozesses bearbeitet die Künstlerin jeweils eine vergleichsweise kleine Partie der gesamten Bildfläche, so dass sie während des Zeichnens im großen Format nur einen kleinen Ausschnitt der Gesamtkomposition überblickt, die erst nach Abschluss des Werkprozesses als Ganzes sichtbar wird.

 

Dass Lisa Pahlke aus der Bildhauerei kommt, offenbart sich in ihrer Kunst allenthalben. Zum einen heben sich die bewegten räumlich-suggestiven Linienfelder jeweils scharf vom weiß belassenen Papiergrund ab, so dass sie wie kostbare, aus ihrer Umgebung herausgelöste dreidimensionale Objekte erscheinen, die man berühren möchte, wie in „Ohne Titel/Aufruf“ oder „Häuptling“ aus dem Jahr 2017. Zum anderen erfährt die Tiefenräumlichkeit in den Zeichnungen durch ihre Präsentation im Raum einen weiteren Twist: Als lange Bahnen vor der Wand, wie ein Teppich auf Stufen entrollt oder als Ummantelung dicker Rohre und Säulen bricht die Konfrontation der Linien-Objekte mit den jeweiligen räumlichen Gegebenheiten die gezeichnete Raumillusion oder multipliziert sie gar. Bei Lisa Pahlke spricht die per se an die Fläche gebundene Zeichnung den Tastsinn an und suggeriert eine Räumlichkeit, die durch die Art der Präsentation zugleich wieder hinterfragt wird.

 

Dieses Wechselspiel aus Verbergen und Enthüllen bildet die Dialektik der Kunst Lisa Pahlkes. Die künstlerischen Mittel sind knapp, der Bildfindungsprozess ebenso reduziert wie reglementiert, die Bildwerdung bis zum Ende offen. Aus dieser Versuchsanordnung entstehen mehrdeutige Linien-Objekte voller Suggestionskraft, die zwar keine konkreten Objekte meinen, sie gleich einem Vexierbild im Betrachter aber permanent aufrufen. Hier ist nichts wie es scheint, und doch gibt die Linie nie vor etwas anderes zu sein als sie ist: strukturelles Aufbau- und bewahrendes Ordnungsprinzip und Mittel der Aneignung von Welt.

 

Teresa Ende

 



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